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Artikel 2013

Mut ersetzt Symptome

Wie ein authentischer Lebenswandel Gesundheit erhält

Janine war 33 Jahre alt, als sie mich mit chronischen Magen-Darm-Beschwerden aufsuchte. Schmerzen und Schübe von blutigen Durchfällen konnten bislang nur mit starker Cortison-Medikation etwas gemildert werden. Doch die Nebenwirkungen, u.a. massive Gewichtszunahme, wollte die junge Frau aufgrund fehlender therapeutischer Erfolge nicht länger hinnehmen, so dass sie sich ratsuchend an mich wendete.

Allerdings bin ich kein Arzt oder Heiler, ich kann, darf und werde nicht therapieren. Aber ich bin Diplompädagoge, ein Geisteswissenschaftler. Ich darf analysieren, was und wie Menschen denken und lernen. Da unsere Gedanken - und seien sie noch so unterbewusst - einen Einfluss auf unseren gesamten Stoffwechsel und Hormonhaushalt haben, kann man allein durch Gedanken, also Informationen, einen Einfluss auf den Körper nehmen. Wenn chronischer Stress, meist hervorgerufen durch Angstmuster, zum Verschwinden gebracht wird, ändert sich das Gefühl und das Verhalten, so dass die Gesundheit sich wieder entfalten kann.

Ich musste also herausfinden was Janine denn selbst glaubte, was die Ursache für Ihre Probleme wäre. Ich fragte: „Was in Ihrem Alltag macht Ihnen ,Bauchschmerzen’?“ Die sehr schüchtern wirkende junge Frau zögerte eine lange Weile, bevor sie mit leiser und trauriger Stimme sagte: „Weiß ich nicht. Meine Arbeit vielleicht“. Nicht nur die Antwort, sondern auch der Tonfall, Stimmlautstärke, der Blickkontakt und vieles mehr geben Aufschluss über den emotionalen Status des Sprechers. Man braucht keine fundierte tiefenpsychologische Ausbildung zu haben, um klar erkennen zu können, dass Janine Angst hatte. Es zeigte sich, dass die Belastung am Arbeitsplatz insbesondere durch einen ungeduldigen und zu Wutausbrüchen neigenden Vorgesetzten zustande kam.

Die Arbeiten des amerikanischen Stressforschers Richard Lazarus zeigten bereits in den 50ger Jahren, dass Stressfaktoren nie absolut, sondern immer individuell sind, es also immer darauf ankommt ob und warum man etwas als belastend empfindet.

Warum fühlt Janine sich durch einen emotional inkompetenten Menschen belastet, anstelle möglicherweise einfach selbst auf der Karriereleiter an ihm vorbei zu klettern? Also erfragte ich ihre biografischen Umstände und so es war es keine Überraschung, als sich herausstellte, dass ihre Kindheit geprägt war von emotionalen Traumatisierungen. Ein cholerischer Vater, der zum Schlagen und Anschreien seiner drei Kinder neigte, von denen er sich, genau wie seine depressive Frau, völlig überfordert fühlte. Somit entwickelte die sensible Janine ein Verhaltensmuster, bei sozialen Konflikten ihre Ansicht für sich zu behalten und Auseinandersetzungen nicht verbal zu thematisieren. Sie „fraß“ Ärger in sich hinein. Nachdem ich der jungen Frau den Zusammenhang zwischen chronischem Stress und Psychosomatik erklärte, begriff sie, dass sie eigentlich nicht krank war, sondern in einem kindlichen Verhaltensmuster feststeckte. Sie versuchte Ablehnung dadurch zu vermeiden, dass sie auf ihre Entfaltungsrechte verzichtete – zu einem Preis, der sie eines Tages ins Grab bringen würde. In einem kleinen Gedankenexperiment zeigte ich Janine, dass sie den eigenen Vater auf den Chef projizierte. Ich machte ihr klar, dass wenn sie sich wie eine Tochter verhielt, bei ihm „Vaterverhalten“ provozierte. Wollte sie jedoch Respekt und Anerkennung, so brauchte sie bloß die Rolle einer Mitarbeiterin auf gleicher sozialer Augenhöhe einzunehmen. Dies verankerte ich in einer Traumreise. Verändern sich Gefühl und Verständnis, verändern sich fast augenblicklich auch die Körperhaltung, der Blick und die Stimme. Wir werden somit anders wahrgenommen und anders behandelt und dadurch verstärkt sich die neue Rolle. Janine ging „gestärkt“ zur Arbeit und erlebte eine Überraschung: Sowohl der Chef, als auch die Kollegen verhielten sich spürbar freundlicher und respektvoller. Doch das Besondere war: Die Bauchschmerzen blieben seither aus. Die blutigen Durchfälle ließen nach und verschwanden innerhalb von drei Wochen ganz.

Ein anderes Beispiel dafür, dass eine authentische Lebensweise oftmals der Schlüssel zu höherer Lebensqualität ist, lieferte Walther, der als 70jähriger mit untherapierbaren Potenzproblem zu mir kam. Die Störung seiner Libido belastete nicht nur sein Selbstwertgefühl, sondern seit Jahren schon seine Ehe. Auch hier stellte sich für mich sofort die medizinisch oft vernachlässigte Frage: “Warum ausgerechnet dieses Symptom?“. Es musste etwas in Walthers Denken und Empfinden geben, das eindeutig seine Sexualorgane blockierte.

Man braucht hier ebenfalls kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass Walther im Geiste einer sehr prüden und katholisch geprägten Sexualmoral aufgewachsen ist. Seine Mutter empfand Sex als maskuline Bevormundung und übertrug dem Sohn unterschwellig Schuld- und Schamgefühle. Zwar war Walthers spätere Ehefrau in sexueller Hinsicht wesentlich liberaler als seine Mutter, dennoch war sie ein Kind ihrer Generation und damit weit entfernt von einer wirklich gesunden und befreiten Sexualität. Walthers Eindruck bestätigte sich schleichend von Jahr zu Jahr, verstärkt dadurch, dass fast die gesamte Gesellschaft Sexualität im Alter tabuisiert. Mit etwas erwachsener Aufklärung konnte ich Walters Glaubenssätze von der bedrohlichen und unerwünschten maskulinen Libido jedoch zurechtrücken. In einer Traumreise gab ich ihm die Möglichkeit zunächst in die Perspektive seiner Mutter, dann in die seiner Frau zu schlüpfen, um aus diesem Blickwinkel zu erfahren, dass nicht Sexualität das Problem war, sondern die weibliche Geschlechtsrolle in den jeweiligen Gesellschaften. Freiwilliger und legitimer Sex hingegen brachte Lustgewinn und Befriedigung. Er als Mann fühlte sich somit für seine Frau nicht länger als Bedrängnis, sondern als willkommener Erfüllungsgehilfe in einem legitimen Spiel. Ich verankerte in ihm die Erkenntnis, dass seine Frau stark und mündig genug ist, ihm ggf. schonend beizubringen, sollte er mal zu grob, direkt oder fordernd sein. Bis dahin hätte seine eigene Sexualität „grünes Licht“. Das deutliche Empfinden der Bejahung seiner Sexualität, das Wegfallen des moralischen Verbotes ließ in den folgenden Tagen seine Libido gesunden. Seine Ehe erfuhr eine Renaissance.

Aufgrund meiner Erfahrung wage ich zu behaupten, dass dieser Schritt den Mann möglicherweise vor drohendem Prostatakrebs bewahrt hat, denn die biografische Ursache davon ist in den meisten Fällen, dieselbe wie im Falle Walthers.

Das Wissen, dass die Regeln der Kindheit nicht für Erwachsenen gelten, erzeugt den Mut für anderes Verhalten. Und Mut ersetzt Symptome.

Ich habe nur einen einzigen Tipp für eine authentische Lebensweise: Machen Sie sich bewusst, was das Zweitschlimmste ist, dass Ihnen passieren kann - und nehmen Sie es in Kauf! Das Schlimmste passiert sowieso nicht.

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